Nützliche Hinweise
- Der Trip kann unter Umständen auch in einem Tag gemacht werden.
- Für Trips in Israel und den besetzten Gebieten sollten die lokalen Sicherheitshinweise beachtet werden - und natürlich die des Auswärtigen Amtes.
Hinweis:
Falls es Fragen oder Anmerkungen zu den Zielen/Ländern/Gegenden geben sollte, versuche ich gerne per E-Mail zu helfen. Kontaktinformationen finden sich hier: www.code-foundation.de
Die ersten Tage dieses Trips verbrachte ich in Israel. Bei der Landung in Tel-Aviv war es dunstig und schwül, so richtiges Depriwetter. Mit dem Bus Nr.5 nach Jerusalem gab es gleich wieder Probleme. Normalerweise ist es das Beste, einen Sherut vom Flughafen aus Richtung Jerusalem zu nehmen. Aber bei meinem Gepäck war mir ein Bus lieber - dies stellte sich als Fehler heraus.
Problematisch war diesmal, dass ich zwar Bus Nr.5 nehmen konnte, der Fahrer mir aber nach wenigen Minuten klarmachte, dass er nicht direkt zur Jerusalem Central Station fahren würde, sondern dass ich auf einen anderen Bus umsteigen müsse. Er liess mich also an einer Kreuzung raus und sagte, ich solle hier auf den nächsten Bus warten. Zunächst wartete ich erstmal 1,5 Stunden auf diesen Bus, der dann noch völlig überfüllt mit Soldaten war und ich mich vorne irgendwie zwischen die Treppen drängeln musste. Völlig entnervt und kaputt kam ich also in Jerusalem an. Nun gings daran in die Altstadt zu tingeln mit knapp 30 Kg Gepäck (Ausrüstung + Geschenke für alte Bekannte). Der Weg war mir bekannt, da ich ihn schon früher zigmale gelaufen bin. Jaffa Road entlang und dann irgendwann mal links ab.
Ich übernachtete zunächst in meiner alten Schlafstätte, wo ich damals schon während meines Zivildienstes wohnte. Des Weiteren traf ich noch alte Bekannte von damals, die nach wie vor in Jerusalem leben und wohnen. Allerdings waren die folgenden 3 Tage mehr oder weniger die Hölle. Albträume plagten mich wann immer ich schlafen wollte und liessen mir keine Ruhe. Die Ungewissheit, was nun aus meiner Tour und den ganzen Monaten der Spannung werden würde, fing an mich zu zermürben. Jordanien? Negev? Oder doch Ägypten? Wenn ja, wird alles klappen? Hab ich alle Teile für das Sulky dabei? Bin ich überhaupt gewappnet oder mach ich mir und allen was vor? Ich war hin und hergerissen, konnte mich nicht entscheiden, verbrachte die Nächte meist bis in den frühen Morgen ohne ein Auge zuzumachen und grübelte und grübelte. Das Schlimmste war diese Einsamkeit, obwohl man von Menschen umgeben ist. Wo ist die Person mit der ich meine Bedenken diskutieren kann, die mich kritisiert, mich bestätigt ... ?
Ich telefonierte mit Tour-Agenturen in Jordanien, versuchte nach 2 Absagen meine letzte Adresse dort zu erreichen. Problem: Ich hatte eine Frau einer "Agentur" an der Strippe, die nach ausführlichen Erklärungen den Eindruck hinterliess, sie habe immer noch keine Ahnung was ich wolle. Ich besorgte mir schonmal Kontakte für den Negev was sich als ziemlich leicht herausstellte, und ich suchte die Nummer von einem alten Ägyptenkontakt heraus, für den Fall dass ich mir doch ein paar hundert KM per Bus aufbürden wolle. In die Negev aber wollte ich nicht, Jordanien stand wegen Kontaktpersonen auf wackligen Beinen und Ägypten war ne halbe Weltreise. Was zur Hölle sollte ich tun? Ich brauchte eine Backup-Person für den Notfall.
Nach 3 Tagen Paulushaus und der alten Heimat Ostjerusalem wusste ich, dass ich nun eine Entscheidung treffen musste, da ich ansonsten eigentlich gleich wieder nach Hause fahren könnte. Ich entschied mich nach einem erneuten Telefonat für Jordanien. Mein Kontakt saß im Wadi Rum, einem Touristengebiet im Süden Jordaniens, welches durch seine schöne Gegend und durch Lawrence von Arabien zum Anziehungspunkt für Touristen aus der ganzen Welt wurde. Ich war schon bei meinen damaligen Besuchen dort gewesen, wollte mich also nicht länger dort aufhalten.
Ich nahm den Egged-Bus nach Eilat, dem südlichsten Kaff von Israel am Roten Meer, und überquerte dort die Grenze nach Aquaba. Wenn mein Kontakt dort auch nicht funktionieren würde - egal, dann hau ich mich paar Tage an den Strand, renn noch bissle im Wadi Rum durch die Gegend und fahr dann wieder heim. Hauptsache ich habs probiert und alles gegeben, so mein Motto. Wie es das Schicksal so will traf ich an der Grenze Christina. Eine junge, hübsche Deutsche, mit viel Gepäck (4 kleine Stücke), alleine auf dem Weg nach Arabien? Ich ahnte Schlimmes ... Die Formalitäten verursachten keine Probleme, allerdings mussten wir 30 Minuten das Grenzgebiet verlassen, da es eine Bombendrohung gab. Zusammen mit Christina teile ich mir das Pflichttaxi von der Grenze nach Aquaba und dort trennten uns unsere Wege auch schon wieder.
Ich mietete mich für ca. 3 Euro in dem Hotel ein, was ich damals mit meinen Zivildienstkollegen besucht hatte, liess mich sauber rasieren und aß leckeres Hähnchen mit Brot und Humus von Abdallah's ... alles war wie früher, anscheinend hatte sich nichts geändert. Nach ein paar Besorgungen ging ich früh schlafen. Mein Hotelier hatte mir einen "extra-quiet" room versprochen - kein Wunder, das Zimmer hatte keine Fenster. Immerhin aber ein Bad, wo die Klospülung nicht ging und die Dusche in die Schüssel "duschte". War mir aber alles reichlich egal ... 3 Euro, was will ich mehr. Ich machte es mir auf dem Boden gemütlich, da ich den beiden Betten nicht traute zwecks Ungeziefer.
Morgens um 7 Uhr geht ein Bus ins Wadi Rum. Das blöde Ding ging an diesem Tag aus irgendeinem Grund schon um 6.30 Uhr so dass ich ihn verpasste. Ich musste also den Bus Richtung Maan nehmen und sagte dem Fahrer, er solle mich doch an der Abbiegung ins Wadi Rum rauslassen. Den Rest würde ich schon trampen. Arabische Kleinbusse sind nicht gemacht für mein Gepäck und daher war das immer ein Abenteuer für sich, alles sicher und sauber zu verstauen. Komischerweise überholte mein Bus den Wadi-Rum-Bus genau 1 KM vor der Kreuzung. Also hetzte ich raus um gleichzeitig den anderen Bus anhalten - es funktionierte.
Im Wadi Rum angekommen staunte ich erstmal nicht schlecht über das neue Visitor-Center 3 KM vor dem Dorf Rum. Nett, nett, anscheinend hat der jordanische Staat das Potential erkannt. Knapp 2.50,- Euro Eintritt kostete das nun, damals wars noch umsonst. Einer der Brüder welche ich kontaktiert hatte, kam zum Dorfplatz, wo normalerweise die Touris immer abgeladen werden. Es war ein netter junger Kerl mit gutem Englisch, der gegen die 30 ging. Ich unterbreitete ihm bei Kaffee mein Problem und was ich vor hatte. Ein paar weitere Guides gesellten sich zu uns und es wurde wild und heftig diskutiert. Irgendwie machte es den Leuten Spaß eine Lösung für mein Problem zu finden und meine Pläne zu erörtern. Allerdings, Problemfaktor Nr.1: Niemand hatte ein GPS, geschweige denn einen Plan wie man es bedienen sollte. Trotzdem wurde eins aufgetrieben, uralt und in arabischer Sprache. Klasse, wie soll ich nun den Jungs beibringen, wie sie es bedienen sollten wenn ich nicht arabisch lesen kann und die nicht wissen was sie zu tun haben?
Die Funktion an sich ist nicht schwer zu begreifen, aber erklär das mal jemandem der noch nie ein GPS in der Hand hatte, bzw. nicht weiss wie es funktioniert. Prinzip: Ich rufe an, gebe meine Koordinaten durch und sie speichern diese als Wegpunkt und benützen dann einfach die GOTO-Funktion. Das ist alles, rein theoretisch, was die Jungs für den Notfall wissen mussten.
Wir fuhren erstmal zu Achead nach Hause wo er mich seinen jüngeren Brüdern vorstellte (mein Alter), mit welchen ich nun probierte das Problem zu lösen. Wir fuhren noch zu einem angeblichen Guru im Dorf, was sich aber als Fehler rausstellte. Der hatte noch weniger Ahnung als wir alle zusammen. Nungut, irgendwie mussten wir das ja hinkriegen. Das GPS war arabisch, ok, aber es war ein Garmin und bei den Geräten haben sich die Hauptfunktionen eigentlich nie wirklich verändert. Also liess ich mir jedes Menu Step-By-Step vom Arabischen ins Englische übersetzen und arbeitete mich so Schritt für Schritt weiter voran, bis ich wusste wie man die GOTO-Funktion nutzen konnte. Nun zeigte ich es den Jungs, was sie zu tun hatten. Ich prägte ihnen immer wieder die Schritte ein und den Ablauf eines Notfalls. Es war aber auch erstaunlich wie schnell die Jungs lernten und wie sie sich auf einmal für die Technik begeistern konnten.Wir machten nun ein paar Proberunde, die wie folgt abliefen:
Ich versteckte mich mit dem kleineren Bruder irgendwo im Dorf und dann riefen wir den Grossen an und gaben ihm die Koordinaten durch. Er musste nun alle gelernten Schritte selbst vollziehen. Schon beim ersten Versuch kam er nach 5 Minuten mit seinem Jeep um die Ecke gerauscht. Wir spielten dieses Prozedere mehrere Male durch, dann war ich zufrieden. Ich wurde von den Jungs noch zum Essen eingeladen und konnte auch bei ihnen in der grossen Halle schlafen. Ich ging früh schlafen nachdem ich mein Sulky zusammengebaut, meine Ausrüstung gecheckt, die französische Freundin kennengelernt und wir das Finanzielle geregelt hatten. Ich war froh, alles wendete sich nach viel Mühen und Bangen doch noch zum Guten? Meine Ausrüstung war vollständig und perfekt, mein Sulky stand einsatzbereit vor mir und ich hatte nichts wichtiges vergessen. Alles war bereit für die Abfahrt am nächsten Tag gegen 9 Uhr Richtung Al-Jafr.
Ich verstaute mein komplettes Gepäck im Taxi, bleute meinen beiden Jungs nochmals ein was zu tun sei, falls ich mal anrufen würde und verabschiedete mich. Mohammed, mein Fahrer aus Petra, war ein netter Kerl. Er hat 9 Kinder, davon nur 1 Sohn was ihm anscheinend peinlich war, und arbeitete lange Zeit beim Militär. Nun fährt er als Nebenjob Touristen durch die Gegend.
Auf dem Highway ging es erstmals Richtung Norden - Richtung Ma'an. Dort liess ich mir noch billig Brot und ein paar zusätzliche Vorräte raus, wie z.b. ein Snickers für jeden Tag. Is irgendwie son Ritual das ich von letztem Jahr Ägypten mit Manu noch kannte: Jeden Tag ein Schokoriegel! Wir besuchten nebenher noch flott ein paar Kumpels, ich meine Cousins und Brüder, von Mohammed weil man ja gerade so in der Gegend ist. Über Ma'an kann ich eigentlich nur sagen: Richtiges unruhiges Hornissennest! Schon 2002 hatten wir nur Schlechtes über diesen Ort erfahren und dies sollte sich dieses Mal wieder bestätigen. Die Leute dort sind unruhig und es gibt anscheinend ne Menge Königsgegner in dieser Gegend. Vor allem alleinreisende "Touris" haben dort kein leichtes Spiel und werden mehr oder weniger unfreundlich empfangen.
Nach einer halben Stunde Fahrt waren wir etwa 3 Km vor Al-Jafr angelangt. Ich bat Mohammed doch rechts ranzufahren, da ich nicht in den Ort reinfahren wollte. Wieso auch, nicht jeder brauchte ja zu wissen, dass son verrückter Deutscher alleine durch die Wüste rennen will. Mohammed bestätigte das. Ich baute das Sulky zusammen, verstaute Teile der Ausrüstung im Rucksack und den Rest auf dem Sulky. Die vorbeifahrenden Autos hupten und die Leute sahen mich alle ein wenig komisch an als ich mir neben der Fahrbahn das Zuggeschirr anlegte. Dann gings auch schon los.
Ich umging erst einmal die wenigen Nomadenzelte und ihre Ziegen- und Schafsherden die sich in etwa 1 Km Entfernung zur Straße angesiedelt hatten und schlug dann einen Süd-Süd-Ost Kurs ein. Ich wollte Abstand zur Straße gewinnen und vor allem nicht gerade beim nächsten Nomaden im Kräutergarten übernachten. Also straight auf die saudische Grenze zu. Interessant war eigentlich in den ersten Stunden die Tatsache, dass immer wieder Nomaden anhielten. Das spielt sich dann wie folgt ab:
Ich laufe, höre Motorengeräusche hinter mir, drehe mich um, sehe einen Laster aus dem Nichts kommend auf mich zurasen. Dieser ist bis oben hin mit Gütern und Leuten gefüllt. 100 Meter vor mir wird der Laster immer langsamer und rollt nun langsam auf mich zu. Ich lasse meine Stöcke fallen, breite die Arme aus und grinse was das Zeug hält. Ungläubig stieg dann meist der Fahrer aus, grinst und sieht mich fragend an. Im Anschluss an die üblichen Begrüssungsfloskeln nach arabischer Art fragte ich dann meist "Inglisi?" (englisch?). "Lä" (nein) kommt die Antwort aus einem Mund, dessen Zähne mich eigentlich an Tropfsteinhöhlen in Deutschland erinnern. Man merkt, dass hier ein ganz anderer Ton gespielt wird, andere Dinge Priorität haben ... hier zählt nicht mehr das Aussehen bzw. die äusserlichen Werte. Hier zählt nur noch was wirklich wichtig ist - leben, überleben und überleben lassen. Es ist für uns schwer vorstellbar unter welchen Bedingungen die Leute leben. Trotzdem machen sie keinen traurigen Eindruck.
Die schlechten Zähne sind mir bei Nomaden nichts Neues ... die Jungs haben einfach keinen Zahnarzt um die Ecke und meist auch kein Geld dafür. Zudem ist die Ernährung nicht gerade mit unserer zu vergleichen, vor allem in Bezug auf Vitamine. Nun, da eigentlich niemand von den Leuten Englisch spricht, auch nicht in primitiver Form, verständigte ich mich eben mit meinen primitiven Arabischkenntnissen und Gebärdensprache. Ich kam mit diesen Kommunikationsformen immer super klar. Die Frage ob ich Wasser benötige verneinte ich stolz und zeigte auch gleich auf mein Sulky, auf dem rund 40 Liter des flüssigen Lebens ruhten. Breites Grinsen machte sich auf den Gesichtern meiner Zuhörer breit. Lustige Reaktionen fanden meist statt, als ich erklärte, dass ich nach Al-Mudawwarah laufen wollte ... eigentlich alle zeigten mit der Hand Richtung Süden und laberten was von "baid, baid" was man mit "weit,weit" übersetzen könnte.
Im Prinzip spielten sich so alle Treffen mit den Nomaden ab. Eine Einladung zu "shay" (Tee) lehnte ich freundlich ab. Ich wollte erstmal Kilometer machen und zudem eigentlich nicht das Leben der Leute stören. Mein Respekt für die dort Ansässigen war nach diesen ganzen Eindrücken noch größer als vorher und ich wollte eigentlich so wenig wie möglich den Alltag stören bzw. die Leute treffen und eventuell durch mein Auftreten verunsichern. Meine Jungs im Wadi Rum hatten mich schon darauf hingewiesen, dass ich mich vielleicht nicht unnötig bemerkbar machen sollte ... die Leute wären lieber unter sich. Trotzdem waren alle freundlich, fragten nach Wasser und luden mich teilweise ein. Ich ärgerte mich, dass es mein erster Tag war und ich kein Wasser abgeben bzw. anbieten konnte. Die Leute brauchten es sicherlich nicht, allerdings fühlt man sich ein wenig komisch wenn man nur Angebote bekommt und nichts geben kann.
Ich überquerte grosse, komplett flache Ebenen die mich eigentlich mehr an Parkplätze bei den Daimler Chrysler Werken in Stuttgart erinnerten: komplett zubetoniert und eine gerade Fläche ohne auch den kleinsten Hügel. Meinem Sulky schien das gerade recht zu sein ... trotz den 50 Kg Ladung lief es wie geschmiert und geölt. Ich konnte also trotz der stehenden Luft und der teilweise drückenden Hitze gut Kilometer machen. Ich lief nur ein paar Stunden, konnte aber immerhin mal knapp 15 Km machen bevor ich mein erstes Nachtlager aufschlug. Allerdings kletterte das Thermometer auf knapp über 30 Grad. Das würden Tage werden ... hmm.
Gegen 16.30 Uhr Ortszeit, also 15.30 Uhr in Deutschland, ging die Sonne unter und ich zog mich doch relativ flott ins Zelt zurück. Mit aufziehender Dunkelheit fühlte ich mich sicherer und geborgener. Ich schlief eigentlich sofort ein und wachte erst gegen 3 Uhr nachts auf, da ich an den Füssen fror. Ich stopfte ein paar Kleidungsstücke in den Schlafsack, schlüpfte noch zusätzlich in mein Seideninlett und schlief dann durch bis zum Sonnenaufgang um ca. 5 Uhr. Ich schaute aus dem Zelt, stellte fest dass alles gefroren war, erschrack als das Thermometer -1 Grad anzeigte und zog mich flott ins Zelt zurück da der aufgezogene Wind mehr als bitterkalt war. Erst gegen 7 Uhr wachte ich auf, da es langsam ziemlich warm im Zelt wurde. Über die Kälte in der Nacht machte ich mir keine Sorgen mehr ... denn zusätzlich hatte ich für Notfälle noch Thermounterwäsche dabei, die ich aber nur einmal gebrauchen werden würde. Mein North Face Beeline Schlafsack macht bis etwa 0 Grad, mein Inlett gibt mir auch noch 1-2 Grad und mit dem Zelt hatte ich auch einen wärmenden Schutz. Ich konnte also ohne Bedenken in den 2. Tourtag starten.
Nach dem Aufstehen baute ich rasch mein Lager ab. Im Allgemeinen kann man sagen, dass mich das so etwa 10-15 Minuten kostete. Gegen Ende der Tour dauerte es aber meist länger da es auch irgendwie kälter wurde morgens, wahrscheinlich war das aber eher Einbildung. Ich schlug wieder den Kurs Süd-Süd-Ost ein und lief los. Die Morgenstunden waren mitunter die schönsten und angenehmsten des ganzen Tages. Die Luft war frisch, kühl und die Sonne ging erst gerade glühend am Horizont auf - herrlich, einfach in den Tag zu marschieren und keine Sorgen zu haben.
Während der ersten Stunden sah ich immer wieder aus der Ferne das ein oder andere Beduinenlager mit einer Herde von Ziegen und Schafen drumherum. Es war in diesem Moment ein eher beruhigendes als bedrohliches Gefühl ... nicht alleine zu sein und im Notfall einfach rüber zu "den Menschen" zu rennen. Gegen Mittag nahm die Hitze extrem zu und damit stieg mein Wasserverbrauch auch enorm an. Ich musste andauernd trinken, trinken und nochmals trinken obwohl ich nicht wollte. Zudem musste ich den ein oder anderen leichten Hügel überqueren, was mit einem Karren von mehr als 50 Kg im Zug schon enorme Anstrengung kostete. Ich fing also an zu schwitzen, was eigentlich nicht geplant war. Wo war das kühle Lüftchen das ich normalerweise gewohnt bin zu dieser Zeit in einem Gebiet wie diesem?
Was die Hügel angeht: Eigentlich ist die kurze Ansteigung nicht das Problem, sondern eher der feine Sand der sich an den Anstiegen sammelt und ein Vorkommen fast unmöglich macht. Das Sulky, das normalerweise rennt wie ein junges Tier, wird zur unbarmherzigen Last in der Hitze. Und wenn man mal keinen feinen Sand vorfindet, sind die Steine meist so gross, dass das Sulky heftig durchgerüttelt wird. Alles in Allem sollte man also solche "Buckel" meiden.
An diesem Tag machte ich aber auch noch eine weitere "Anfängererfahrung", und zwar bez. des ungewollten Stuhlgangs in der Wüste. Zwar kannte ich das schon vom letzten Jahr in Ägypten, aber da waren doch wesentlich mehr Hügel, Schluchten etc. vorhanden als auf diesen trostlosen Flächen. Ich mein, jeder macht es, muss es machen und wird es früher oder später mal machen. Die, die mit mir schon auf Tour waren, werden wissen, dass es bez. des Stuhlganges bei mir eine eiserne Regel gibt. "Nimm lieber ein paar Klopapierrollen zuviel mit als zuwenig. Deine gesamte Tour könnte davon abhängen." Ich hatte also genug dabei, nur man muss sich das so vorstellen:
Man steht auf einer riesigen Ebene, kilometerweite Sicht und ein endloser Horizont und nun erwartet mein Körper von mir, dass ich hier, unter den Augen des gesamten Publikums, das hinter jedem kleinen Hügel lauert und jeden Moment vorbeikommen könnte, mein Geschäft erledige? Schwer vorstellbar, ich weiss, aber es kostete mich wirklich Überwindung beim ersten Mal. Des weiteren ist auch interessant, welche Technik man anwendet. In nördlichen Gefilden wie Skandinavien etc. hat man mit dem ausgeprägten Baumbewuchs ja weniger das Problem, aber wie soll man das erledigen, wenn es nichts gibt wo man sich anlehnen kann, bzw. keine weiteren Hilfsmittel vorhanden sind? Ich hab eine ganz praktische Methode mit meinen Wanderstöcken entwickelt, die sich dann auch den Rest der Tour bewährt hat, zudem hatte ich das ein oder andere mal Glück, ein paar größere Steine zu finden die dann kurzfristig zum "Donnerbalken" äähh "Donnerstein" umfunktioniert wurden. Soweit mal zu diesem Thema, ich wollte es Euch nicht vorenthalten, da Ihr bei Eurer nächsten Wüstentour sicherlich auch damit konfrontiert werdet. Und nicht vergessen: Nach erledigtem Geschäft das Papier immer verbrennen.
Bei meiner mittäglichen Feinpeilung stellte ich fest, dass ich zu steil nach Süden laufe. Wenn ich diesen Kurs beibehalte, würde ich in wenigen Tagen in Al-Mudawwarah eintreffen, also beschloss ich nun Ost-Süd-Ost anzupeilen. Kurz vor meinem Nachtlager tat es auf einmal einen MORDS Schlag, der Boden wackelte und die Luft erbebte. "Oh my god" war mein einziger Gedanke, was war das? Dann erst erinnerte ich mich an meinen Taxifahrer, der mich doch belehrt hatte, dass westlich meiner Position an der Straße Phosphat abgebaut und mit der Bahn nach Aquaba gebracht wird. Also keine geheimen Bombenversuche von den Saudis oder den Jordaniern. 40 KM etwa war der Highway Ma'an - Al-Mudawarrah entfernt, so meine Schätzungen, trotzdem war die Explosion sehr gut hör- und spürbar. Die Explosionen hörte man manchmal sogar noch in Aquaba und hier über die Ebene sowieso. Ich beruhigte mich wieder und schlug nach 30 Minuten mein Nachtlager auf.
Dennoch setzte ich mich aber die ganze Zeit mit dem Gedanken auseinander, was denn passieren würde wenn hier irgendwo noch ein paar uralt Tretminen im Boden versteckt sein würden, die nur darauf warteten, dass son Wüstensüchtiger wie ich drauf tritt. Der Gedanke an sich lässt einen erschauern ... Minen, meiner Meinung nach eine der abartigsten Kriegsmittel überhaupt. Ich verdrängte den Gedanken, baute mein Zelt auf, telefonierte mit Tilo und genoss die Stille, die Kühle des Abends und das Alleinsein.
Der dritte Tag verlief eigentlich ohne weitere Vorkommnisse. Ich hielt mich immer noch zu weit westlich und versuchte daher mich zu zwingen, nach Osten abzuweichen, was gar nicht so einfach war. Allerdings war der dritte Tag auch der Tag der Luftspiegelungen - salop gesagt, der Fata Morganas.
Ich überquerte den ganzen Tag eine Ebene die hätte flacher nicht sein können. Steine, Steine ... Steine und ab und zu mal Steine. Bis zum Horizont gab es keine Änderung der Oberfläche, absolut abgefahren. Nunja, und wie ich da so vor mich hintrotte, sehe ich am Horizont einen Baum, ja, einen richtigen Baum. Ich traue meinen Augen nicht und vor allem scheint es so, als würde der Baum vielleicht noch 2-3 KM weg sein. Haha, nach etwa 3-4 Stunden (!!) erreichte ich da gute Stück endlich. Waren lässige 20 Km ... ich traute meinem GPS nicht und meinen Augen schon gar nicht. Schon abartig, was solche Luftspiegelungen anstellen können. Nach ein wenig Recherche hier im Netz hab ich festgestellt, dass das Objekt vor allem gar nicht in der Richtung liegen muss, sondern kann auch versetzt rechts oder links davon liegen. Sprich, Du läufst auf den Baum zu, stundenlang, und irgendwann ist er gar nicht dort, sondern viel weiter rechts oder links. Abgefahren ...
Das mit den Fatas hat mich auch in der Hinsicht verwundert, da es ja an diesem Tag relativ kühl war. Trotzdem hat die Luft geflimmert wie noch nie zuvor. Dennoch gab es ab und an mal ein paar willkommene Abwechslungen in Form von Meilensteinen, so nenn ich die einfach mal. Also wenn sich 2-3 Fahrspuren irgendwo gekreuzt haben, hat man einen kleinen Haufen Steine errichtet und diese "Kreuzung" soz. damit gekennzeichnet. Sehr nett, hat man sich sofot wieder heimisch gefühlt, nur die Ampeln haben gefehlt.
Mehr von dem Tag gibt es eigentlich kaum zu erzählen, ausser der Abend, bzw. die Nacht, die doch sehr ... ääähh interessant war. Bei Ankunft am Rastplatz baute ich mir meine erste richtige Wüstentoilette. Anschliessend gab es das erste Mal richtig warm, bzw. lauwarm. Es ging eine deftige Brise Wind als die Sonne am Untergehen war, daher hatte mein Dosenkocher mit jordanischem Sprit hart zu kämpfen und alles in allem war es eine riesige Sauerei. Dennoch, die Nudeln waren hervorragend und anschliessend telefonierte ich das erste Mal mit meinem Kumpel Jonas in Deutschland.
Irgendwie hatte ich danach die Lust zum Zeltaufbauen verloren und beschloss diese Nacht mal unter freiem Himmel zu verbringen - es war ein Fehler, nein, es war nur etwas kühl aber im Endeffekt hat es sich gelohnt. Also baute ich mir einen Windschutz aus Steinen und richtete mich häuslich ein, soweit dies möglich war. Beim Einschlafen in einen unbeschreiblichen Sternenhimmel zu schauen, der wirklich mit Sternenhimmeln in Deutschland nicht zu vergleichen ist, ist schon genial. Man sieht den ganzen Himmel funkeln und kann absolut relaxt einschlafen. Gegen 4 Uhr, kurz vor Dämmerung, wachte ich auf und merkte, dass es mich an den Füssen derbe fror. Allgemein war es nicht gerade warm im Schlafsack trotz Inlet. Ich schaute neben mich, griff nach der Wasserflasche und traute meinen Augen nicht. Alles um mich herum war gefroren ... das Wasser in der Flasche, in dem Sack der neben mir lag (den anderen nutzte ich als Kopfkissen), der Rucksack war mit einem weissen Pelz überzogen und mein Schlafsack ebenso. Ich schaute aufs Thermometer: -4 Grad Celsius. Lecker!
Den Blick aufs Thermometer hätte ich mir sparen können, denn jetzt wars das mit dem Schlafen ... mir wurde schlagartig kälter weil es ja -4 Grad war, also musste es kalt sein. Domber, Du Idiot! Nunja, ich kuschelte mich also wieder in die Daunen, spielte Rubbelpoker mit meinen ausgekühlten Zehen und schaute der Sonne zu, wie sie sich mühevoll aus der Senke nach oben kämpfte. Nach und nach verschwand der weisse Mantel auf meiner Ausrüstung und mir selbst und mit jedem Sonnenstrahl wurde es wärmer. Ich zog mir die Schuhe an, rannte 3 Mal um mein Lager, packte mein Zeug zusammen, pfiff mir ein Liedchen und startete in den 4. Tourtag.
Die restlichen Tourtage wurden leider nicht aufgezeichnet - es folgt nun ein kleiner Ausschnitt von einem ungewollten Treffen mit dem jordanischen Grenzmilitär:
Und wieder hat sich gezeigt wie unbarmherzig die Wueste ist ... keine Gnade mit menschlichen Fehlern. Ein Schritt daneben, eine schwere Erkältung, technische Probleme oder sonstige Hindernisse und man ist auf fremde Hilfe angewiesen, ob man will oder nicht. Wenn diese dann nicht kommt, oder zu spät, ist es aus. Ohne wenn und aber.
Was mein Problem mit dem Grenzmilitaer anging:
Am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages lief ich wieder mehr einen Süd-Westkurs um den Abstand zwischen mir und der Grenze zu erhöhen. Ich war an Weihnachten noch etwa 20Km von der saudischen Grenze entfernt. Ich befand mich gerade auf einer weiten Ebene wo ich wieder mal den roten Track suchte, der in meiner Autobahnkarte eingezeichnet war (ja, ich vertrieb mir damit die Zeit herumzurätseln welche Jeepspur denn nun mein Track sei), als ich Motorengeräusch hinter mir hörte. Ich freute mich und erkannte schon von weitem einen Jeep der förmlich auf mich zuraste. Als er näher kam, erkannt ich Militär. Ich grüsste freundlich, legte meine Stöcke weg, zeigte meine leeren Hände und grinste. Dies ist mein Verfahren mit welchem ich den Beduinen unterwegs entgegengetreten bin ... Lachen und leere Hände sollen zeigen, dass man nichts Böses im Sinn hatte.
Vom Rücksitz des Jeeps sprangen 2 Soldaten mit Gewehren und einer vom Beifahrersitz. Ich hatte also auf einmal 3 Gewehre auf mich zielend vor mir und wusste nicht was los war. Mit gebrochenem Englisch erklärte mir der Beifahrersitz-Soldat, dass ich mitkommen müsse. Er laberte so allerlei Sachen an mich hin die ich nicht verstand. Komischerweise forderte er erst dann Pass und Visum ein. Anscheinend wurde ich seit längerem beobachtet, was ich aber im Nachhinein nicht bestätigen kann.
Seine 2 Kollegen hatten mich währendessen grob von meinem Wuestenschiff getrennt und meine Ausrüstung von mir entfernt, der Fahrer blieb sitzen. Mir wurde mulmig zu Mute und als der anscheinend Ranghöchste, immer wieder was von "Al Arabiya as Saudiya" oder so ähnlich laberte, dämmerte mir was die Jungs mir anhängen wollten. Naja, einer drängte mich auf den Rücksitz, die anderen luden meinen gesamten Kram ein. Ich sagte eigentlich während der ganzen Zeit recht wenig ... die Lage war zu gespannt und die Jungs auch ziemlich aggressiv. Ich wurde mehr oder weniger behandelt wie ein Gefangener und so fühlte ich mich auf einmal auch.
Also erstmal lieber ruhig sein und abwarten, bevor unerwartet weitere Spannungen auftreten könnten. Wir fuhren Richtung Osten und erreichten ein Posten des Militärs, der nun sehr nahe an der Grenze liegen musste. Der bestand eigentlich nur aus einem Gebäde, 2 Jeeps und ein paar Soldaten. Im Innern wurde ich erstmal in einen kleinen Raum gepackt mit einem Tisch und einer Lampe. Nicht Lachen, das Klischee stimmt wirklich ... nach ein paar Minuten kam dann ein breiter, junger Mann herein der anscheinend der Verantwortliche war. Er begrüsste mich freundlich, setzte sich mir gegenüber und begann mir ziemlich komische Fragen zu stellen. Sein Englisch war nicht sehr gut, aber besser als das der anderen so konnten wir einigermassen verständlich kommunizieren.
"What is the first name of your father? Where is he born? Where have you been before visiting Jordan? Why are you here alone ..." etc. Ich sollte noch erwähnen, dass man mir beim Einstieg in den Jeep alles am Körper abnahm, also Handy, Messer, Feuerzeug, GPS, Kompass, Karte, Pass etc ... und ich wurde komplett von meinem Gepäck getrennt was mir persönlich überhaupt nicht gefiel, denn einer meiner Grundsätze auf solchen Reisen ist, vor allem wenn man alleine ist, sich nie von seiner Ausrüstung zu trennen, wenn möglich.
Ich unterhielt mich also mit dem Herren dessen Namen ich bis heute nicht weiss, und beantwortete seine teilweise schon recht blöden Fragen. Aber dies ist wahrscheinlich die Taktik eines Verhörs. Ich versuchte möglichst ruhig und gewählt zu antworten und ja keinen Blödsinn zu erzählen, denn ich hatte ja wirklich nichts falsch gemacht. Naja, ich machte ihm nun schon energischer verständlich, dass ich alleine hier bin, was man mir nicht glauben wollte, und dass ich nun meinen Freund anrufen müsste, denn dieser würde sich sonst sorgen und das würde nur wieder Problem verursachen ... ich benutze häufig das Wort "as safara" denn ich erinnerte mich schwach, dass dies "Botschaft" bedeutete. Der "Commander" sah das ein und genehmigte mir einen Anruf. Ich hatte nun meinen Mut wiedergefunden zeigte mich auch wieder redegewandter.
Ich durfte also unter Aufsicht eines Soldaten mein Satfon rausholen und rief Tilo an. Ich erklärte ihm die Lage und sagte ihm, er solle bei der Botschaft in Amman den Fall erklären falls ich mich in 12 Stunden nicht melden würde ... zusätzlich mit den Koordinaten meines letzten Camps. Ich war allerdings schon positiv davon überzeugt, die Sache klären zu können da ich ja nichts Böses gemacht hatte. Dass ich Telefonieren durfte, wundert mich im Nachhinein doch ein wenig. Ich hätte das als "Commander" nicht erlaubt. :-)
Um es auf den Punkt zu bringen: Ich wurde verdächtigt, illegal die Grenze von Saudi Arabien nach Jordanien übertreten zu haben. Alleine, mit meinem Wüstensulky. Dies ist faktisch komplett Bullshit. a) Ich bekomme mit meinen zig israelischen Stempeln im Pass niemals ein Visum für Saudi Arabien. b) Selbst ohne Stempel ist es schon enorm schwierig für Saudi Arabien ein Visum zu bekommen, vor allem ohne Einladung und als Christ. c) Wie kann ich illegal aus einem Land ausreisen für das ich selbst kein Visum im Pass habe? Ok, kann man rausreissen ... d) Ich habe ein gültiges Visum für Jordanien.
Nach meinem Telefonat erklärte mir der "Commander", dass er nun mein Visum überprüfen werde und dass es mehr als ungewöhnlich wäre, Menschen hier alleine anzutreffen, dazu noch zu Fuss und Europäer. Alle paar Monate würden Beduinen oder auch mal der ein oder andere Tourist in die Gegend kommen, allerdings nie alleine und zu Fuss. Die Überprüfung gestaltete sich als aufwendiger als es ist, denn das Camp war nur mit einem Oldschool-Funk ausgestattet soweit ich das sehen konnte. Ich wollte dem Herrn schon fast anbieten, doch mein Fon zu benutzen ... wäre aber leicht dreist gewesen.
Die Lage entspannte sich nach und nach. Die Jungs luden mich zum Tee und Kaffee ein, Bilder von Frauen, Kindern etc wurden herumgereicht und ich fühlte mich ein wenig wie der Morgenclown von ein paar Soldaten. Auch meine Family-Bilder machten die Runde und man machte sich mit ein paar Brocken Englisch und meinem primitiven Arabisch daran, möglichst viel über den Anderen zu erfahren. Die ganze Szenerie erinnerte mich schwer an Manuel und mein Treffen mit ägyptischen Soldaten vor einem Jahr in der libyschen Wüste in Ägypten. Man ist einfach ein Highlight für die Jungs die da seit weiss was ich wieviel Tagen mitten in der "gottverlassendsten" Gegend Dienst schieben. Einige hatten Familie in Al-Mudawwarah, als ich erwähnte dass ich dorthin wollte, und nun wurde mir erzählt wie schön es dort doch sei. Dies hat sich bisher nicht bestätigt. :-)
Ja, so saß ich also verlassen als exotisches Objekt umringt von Soldaten am Ende der Welt und wartete auf meine "Freilassung". Wie in Ägypten herrschte auf einmal wieder Ruhe, als der Commander der Runde beitrat. Er erklärte mir ernst, aber mit einem Lächeln, dass alles in Ordnung sei und es sich um ein Missverständnis handele. Er bot mir an, mich in etwa an meinen Abfangpunkt zurück zu bringen, was aber Blödsinn war. Viel zu nord-westlich wurde ich nach einer Verabschiedungszeremonie von 2 Jungs abgesetzt und machte mich also wieder auf den Weg. Eine richtige Entschuldigung habe ich nicht wirklich erhalten, find ich aber auch ok, da die Jungs nur ihren Job machen der eben knochentrocken und extrem langweilig ist. Der "Commander" befahl mir allerdings, mich beim Grenzmilitär in Al-Muddawarah zu melden und dies sollte in den nächsten 5-7 Tagen geschehen. Ich versprach ihm das und damit war die Sache für mich erledigt.
Nach meiner Ankunft in Al-Muddawwarah meldete ich mich wie mir befohlen beim Militärposten, die bereits bescheid wussten und damit nahm alles ein glückliches Ende. Fuer mich waren die ersten Minuten die schlimmsten ... allerlei Gedanken von Rebellen über Missverständnisse etc schwirrten mir im Kopf herum und wenn man dann auch noch alleine ist und selbst seine eigenen Ängste unter Kontrolle halten muss, ist das doch nicht wirklich leicht. Trotzdem hege ich keinen Gräuel oder Ärger ... im Gegenteil, die Jungs waren supernett und auch der Commander war mit seinem netten Hintergrundlächeln stets höflich aber streng und bestimmend. Ich wurde auch nicht erniedrigend behandelt oder ähnliches. Jordanisches Militär hat auf mich bisher immer einen positiven Eindruck gemacht. Nur ein wenig weltfremd.
Spät in der Nacht auf den 14. Dezember 2009 flogen wir zu dritt aus zwei verschiedenen Städten nach Prag um von dort gemeinsam nach Damaskus zu fliegen. Es sollte die erste größere Tour zu dritt werden.
Ausgerüstet mit Zelt, Schlafsäcken, Isomatten, den beiden Wüstensulkys und Studienunterlagen freuen wir uns auf rund 20 Tage Syrien. Gegen 3:30 Uhr kommen wir in Damaskus INT an und begeben uns von dort auch direkt Richtung Deir ez-Zor im Osten Syriens. Diese Stadt, an den Ufern des Euphrat gelegen, ist heute die wichtigste Region für die Erdölförderung in Syrien. Touristisch gesehen bietet Deir eu-Zor allerdings nicht wirklich viel.
Gegen Mittag kommen wir am Busbahnhof an und werden eher unfreundlich von der lokalen Geheimpolizei begrüsst. Das anschließende Frage-Antwort Spiel ist in dieser Stadt anscheinend üblich, da immer wieder ausländische Reporter als Touristen getarnt, versuchen, über Deir ez-Zor Richtung Irak zu gelangen. Auch wir und der Bekannte, der uns am Bahnhof abholt, werden hartnäckig nach unseren weiteren Absichten befragt. Darüber dass wir nicht regulär in einem Hotel untergebracht waren, sondern bei einem Kollegen von Michael unterkamen, den er aus einer früheren Syrienreise bereits kannte, war der fragende Polizist nicht gerade erfreut. Nach etlichem Hin und Her verließen wir die Busstation um mit einem Taxi rund 20 Km in ein kleineres Dorf zu fahren.
Wir verbrachten den restlichen Tag bei Michaels Freund mit dem Genuss der arabischen Gastfreundschaft. Das Brot, im hauseigenen Ofen hinter dem Haus gebacken, war ein wahrer Genuss. Nach einer geruhsamen Nacht brachen wir am nächsten Tag wieder Richtung Deir ez-Zor auf. Wir wollten an diesem Tag bereits in die Wüste starten und mussten noch einige Besorgungen machen.
In der Stadt stellt sich die Frage der Wasserbesorgung als nicht ganz einfach heraus. Es gab zunächst keinen Laden wo man eben mal 90 Liter Wasser kaufen konnte. Dagegen war der Einkauf von rund 160 Fladenbroten eher einfach zu realisieren. Mit Hilfe einiger Studenten gelang uns aber auch der erfolgreiche Einkauf des benötigten Wassers und gegen Abend konnten wir den Besitzer eines Ladens davon überzeugen, uns für ein kleines Trinkgeld ein paar Kilometer aus der Stadt zu fahren. Die Tour konnte beginnen. Wir waren allerdings bis zur Dämmerung mit dem Aufbau der Sulkies zu Gange so dass an diesem Tag nicht mehr viel Kilometer zu machen waren.
Die ersten 3 Tage verliefen etwas zögerlich, da wir unsere eigentlich geplante Route einige Male ungewollt ändern mussten. Es stellte sich nach und nach heraus, dass der Einstiegspunkt für die Tour nicht gut gewählt war. Wir waren noch viel zu weit nördlich, so dass wir etliche Ölbor-Anlagen, von den Arabern liebevoll Bim-Bam genannt, umgehen bzw. queren mussten. Wir waren alle genervt von der Situation.
Die Situation spitzte sich zu als wir am dritten Tag inmitten der Wüste auf eine riesige Mülldeponie stießen. Mit hohem Stacheldraht umgeben bildete diese ein riesiges, hässliches Hindernis, was es nun galt zu umgehen. Die Stimmung war mehr oder weniger am Tiefpunkt und wurde durch aggressive Begegnungen mit lokalen Beduinen nur noch schlimmer. Zwei Beduinen, die uns mit ihrem Motorrad verfolgten, nahmen uns ohne zu Fragen mehrere Brote ab. Wir wurden nun durch die aggressive Haltung der lokal ansässigen Menschen verunsichert. Bei einem weiteren Treffen wurden wir beschimpft und um ein Haar körperlich angegriffen, da zwei Beduinen dachten, wir wären illegal eingereiste Israelis. Erst das Vorzeigen des deutschen Passes verhinderte Schlimmeres.
Obwohl wir von Anfang an versuchten, den Kontakt zu Menschen so minimal wie möglich zu halten, kam es immer wieder zu solchen Vorkommnissen. Wir vermuten nach wie vor, dass die eigentliche Intention dieser Menschen nicht böse war, sondern dass sie genauso verunsichert waren wie wir und es dadurch zu diesen teilweise bedauerlichen Zusammentreffen kam. Neben den unerfreulichen Vorkommnissen gab es aber auch immer wieder sehr freundliche Treffen wie die folgenden Tage zeigen sollten.
Am 4. Tag weitete sich das Land mehr und mehr und auch der teilweise sehr sandige Untergrund wich härterem Boden. Dies war ein Segen für unsere Sulkies aber auch für unsere Stimmung - wir begannen die Tour zu geniessen. Wir passierten am frühen Abend in respektvollem Abstand eine Beduinensiedlung, als uns ein älterer Herr auf einem alten Fahrrad folgte. Wir wurden nach den standardmässigen Begrüssungsfloskeln von diesem sehr charmant wirkenden Mann gefragt, ob wir nicht die Nacht in seinem Zelt verbringen möchten. Nach kurzer Überlegungszeit entschieden wir uns gegen unseren eigentlichen Plan, irgendwo wieder in der Wüste zu zelten und ergriffen diese Chance auf ein warmes Feuer und etwas schmackhaftes zu Essen. Grund für diese Entscheidung war unter anderem, dass ein Sulky gerade auf dem besten Wege war, den Geist aufzugeben - Stangenbruch, irreparabel!
Im Zelt unseres Gastgebers angekommen, wurden wir von einer Menschentraube mit höchster Gastfreundlichkeit empfangen und fast wie Götter behandelt. Es war eine Wohltat bei diesen freundlichen, zuvorkommenden Menschen Gast zu sein. Obwohl unser Gastgeber nicht viel mehr als ein Zelt und eine kleine Herde Ziegen und Schafe besaß, wurden wir köstlich bekocht. Allerdings hielt das fröhliche Beisammensein nicht lange an. Mit der Ankunft eines Allrad-Jeeps neben dem Zelt kündigte sich die Geheimpolizei an. Die gute Stimmung war umgehend verflogen. Respektlos wurde unser Gastgeber samt Sippschaft des eigenen Zeltes verwiesen und wir waren mit einem Polizisten alleine. In gebrochenem Englisch und mit einem zwanghaften Lächeln auf den Lippen wurden wir nach unseren Pässen und einigen Informationen wie den Vornamen unserer Väter gefragt. Der Polizist notierte all dies mehr oder weniger sauber in ein Michey-Maus Schulheft. Nach weiterem Smalltalk hatte der Spuck aber auch ein Ende und die Polizei verschwand genauso schnell wie sie gekommen war.
Auch wenn die Konversation mit unserem Gastgeber und den Menschen, die aus allen Richtungen auftauchten, schwierig war, hatten wir alle unseren Spaß. Wir merkten, dass in dieser Gegend wohl noch nie ein Tourist wirklich halt gemacht hatte, denn gerade für die Kinder waren wir Menschen von einem anderen Planeten. Europäer! Wir schliefen diese Nacht sehr gut und weich, nachdem wir auf einem riesigen Lager Matratzen nächtigten, die man hinter dem Zelt für uns hergezaubert hatte.
Am nächsten Morgen wurden wir sehr früh geweckt und begaben uns auch kurze Zeit später mit nur noch einem Sulky auf den Weg. Den zweiten Sulky liessen wir inklusive Räder, sonstigem Zubehör und einem unserer Wassersäcke bei unserem Gastvater zurück. Eine der Querverstrebungen war gebrochen dies konnte man ohne Ersatzteile vor Ort nicht mehr reparieren. Bereits während des frühen Mittags begann der Gegenwind stärker zu werden. Mit der Zunahme des Sturms begann die Situation nach und nach unbequem zu werden. Niemand von uns hatte zuvor so einen heftigen Sandsturm erlebt. Obwohl es am Anfang noch interessant zu sein schien, zog ganz plötzlich der Himmel zu und die Sichtweite wurde drastisch eingeschränkt. Wir entschieden uns dennoch weiter zu laufen und gegen Abend ließ der Sturm nach und es klarte wieder auf.
Am sechsten Tag waren es noch rund 100 Kilometer bis Palmyra und wir entschieden uns dafür, einige Kilometer im Gewaltmarsch hinter uns zu bringen. Dies funktionierte auch recht gut, bis wir am Abend rund 40 Km Luftlinie gelaufen waren und die Stange des zweiten Wüstensulkies auch noch brach. Somit war auch unser letzter mobiler Wasserspeicher am Ende und wir mussten auch diesen in der Wüste zurücklassen.
Wir liefen noch einige Kilometer mit dem restlichen Wasser auf dem Rücken, entschieden uns dann aber zu nächtigen und weiter zu überlegen, was wir tun würden. Wir entschieden uns am nächsten Tag wieder nördlich Richtung Straße zu laufen, da die Motivation nun am Tiefpunkt angelangt war und beide mobile Wasserspeicher nicht mehr einsatzfähig waren. Angelangt versuchten wir Richtung Palmyra zu trampen, was uns auch nach ca. 1 Stunde gelang - damit war das Wüstenabenteuer diesmal bereits nach 7 Tagen vorbei, was sich aber nicht als weiter schlimm herausstellte. Syrien bietet eine Menge Sehenswürdigkeiten sowohl für den touristischen Mainstream als auch für den ausgefalleneren Individualtouristen.
Fazit:
Syrien ist, wie alle arabisch geprägten Länder, ein Platz für Abendteuer, 1001-Nacht und einprägsame Erfahrungen. Allerdings werden dem Individualreisenden in den östlichen Gebieten auf Grund der geografischen Nähe zum Brennpunkt Irak einige große Hindernisse in den Weg geschmissen, die das Reisen dort nicht gerade angenehm machen. Es ist dennoch zu empfehlen, von den Mainstream Touristenhochburgen einen Schritt ins Ungewisse zu wagen und die Plätze zu besuchen, die nicht rot markiert auf der Landkarte sind. Wie in unserem Fall wird man dort meistens mit offenen Händen und einer unvergesslichen Gastfreundschaft empfangen.
